EL GRITO DEL PUEBLO

DER SCHREI DES VOLKES

Schweiz 1977  67 Minuten  16mm  f

Originalversion Ketschua/Spanisch/Deutsch 

Untertitel d  Sprachversionen d/f

Link zum Film als Download auf LORY

der Univerität Luzern

 

Link zum Film 'El azaroso camino de la fe de Otto Brun' Portrait von Otto Brun

»Einige schlugen unsere Brüder und sperrten sie ein

um sie zu töten. Mit der Waffe in der Hand schlugen sie zu bis Blut aus dem Körper floss.«

»Wir stehen hier vor einem Volk das besiegt wurde und das weiterhin unterdrückt und an den Rand gedrängt wird, marginalisiert wird. Einige hätten manchmal gern, dass dieses Volk verschwindet. Für uns ist es ein grosses Problem und sehr wichtig zu Wissen, wann sowohl die Banken und die Multinationalen wie auch die Waffenfabrikanten, wann sie aufhören uns abhängig zu machen, ihres eigenen Vorteils wegen, wann sie uns leben lassen, in der Form wie wir das möchten. Das heisst, uns ein normales Leben gönnen werden.«  (Louis Dalle, Bischof von Ayaviri)

'El Grito del Pueblo' schildert die Zustände im Hochland von Peru, die Situation rund 9 Jahre nach dem Militärputsch von 1968. Am Beispiel peruanischer Landarbeiter und Kleinbauern wird sichtbar, dass die Not der Bevölkerung trotz der damals versprochenen Landreform nicht kleiner geworden ist. Der Film zeigt, dass durch die in der europäischen Öffentlichkeit vielfach als Modell idealisierten sozialen ‚Revolution’ die Lebenbedingungen für die Landbevölkerung nicht zu verändern vermochte.

Der Autor solidarisiert sich mit den Campesinos und Campesinas, die ausführlich zu Wort kommen und die Aussage des Films wesentlich mitbestimmt haben.

Buch Regie Peter von Gunten

Inhaltliche Begleitung Peru Otto Brun

Kamera Fritz E. Maeder

Ton Fotos Jürg Zysset

Musik Miguel de Cusco   Banda de Ccaperasco de Chuquini   Banda de Bailo Ccapero de Chuquini

Banda Juvenil lira melodica de Punayllo   Banda oriental Chuquini     

 

FESTIVALS UND AUSZEICHNUNGEN  Auswahl

Solothurner Filmtage  Internationale Filmtage Mannheim Filmdukate 1977

Internationales Festival Nyon 1977  Internationales Dokumentarfestival Leipzig

Internaionale Evangelische Jury  1. Preis 1977  Fernsehworkshop Arnoldsheim 2. Preis  1978  

HINTERGRUND

DIE REVOLUTION VON 1968

Die mit der Entwicklung der Bergbauzentren zusammenhängende Ausweitung des Grossgrundbesitzes zerstörte bereits in der Kolonialzeit in grossem Umfang die indianischen Gemeinden und entzog ihnen die wirtschaftliche Basis. Das qualitativ gute Land, das ursprünglich den Campesinos gehörte, beanspruchten die landwirtschaftlichen Grossbetriebe. Dadurch entstanden in den wenig fruchtbaren Randgebieten eine grosse Anzahl von Kleinstbetrieben und gleichzeitig eine Bevölkerungsschicht, die als billige Arbeitskräfte im Bergbau oder in den städtischen Industriezentren eine Tätigkeit suchten.

Der Militärputsch von 1968, von Technokraten aus der Mittelschicht durchgeführt, war der Versuch, durch radikale Reformen die im politischen, sozialen und ökonomischen Leben dominierende Oberschicht zu entmachten. Dadurch sollte die rasche Entwicklung einer zwar nach wie vor vom Ausland abhängigen, aber von peruanischen Kräften gesteuerten Wirtschaft gesichert werden.

 

Das erste Reformziel war die Steigerung der Produktivitat. Diesem Ziel diente die Umwandlung der Grossgrundbesitze in staatlich kontrollierte Genossenschaften, vor allem in die 'landwirtschaftltichen Gesellschaften von sozialem Interesse', die sogenannten SAIS. Das Agrarreformgesetz sichert den indianischen Gemeinden Hilfe von der nächstliegenden SAIS zu. Die SAIS ist formal demokratisch organisiert und soll den Genossenschaftsbauern, den Socios, die Beteiligung und Mitsprache garantieren. Die Entschädigungssummen, die der Staat für die Enteignung der Haziendas bezahlte, müssen von den SAIS in Form einer Agrarschuld abgetragen werden. Diese aus der Landwirtschaft zufliessenden Gelder werden vom Staat für den Aufbau der Industrie und nicht für den Agrarsektor eingesetzt. Dadurch wird die Existenzgrundlage der Campesinos nicht verbessert.

 

THEOLOGIE DER BEFREIUNG

Seit der Kolonialzeit hat die katholische Kirche in Peru grossen Einfluss auf Politik und Kultur. Die enge Verbindung mit dem Staat brachte der Kirche bedeutende Vorteile: Grossgrundbesitz, Steuerfreiheit und manche anderen Privilegien.

Diese Praxis hat sich bis weit in die siebziger Jahre erhalten und wurde kaum in Frage gestellt.  


»Wie kann man als Christ, als Christin inmitten von Armut und Ungerechtigkeit leben?« Dies ist die Ausgangsfrage, aus der in der 1960-er und 1970-er Jahren eine bedeutende theologische Strömung entsteht, die bis heute weltweiten Einfluss ausübt: die Theologie der Befreiung.

Die Grundkonzepte der Befreiungstheologie entstanden seit etwa 1960 aus der Selbstorganisation von katholischen Basisgemeinden in Brasilien. Mit der Parteinahme für die Armen durch die zweite allgemeine lateinamerikanische Bischofskonferenz (CELAM)  in Medellin wurde diese Richtung 1968 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Den Namen gab ihr das 1971 erschienene Buch Teología de la liberación von Gustavo Gutiérrez. Im Abschlussdokument der Konferenz verpflichteten sich die Bischöfe Lateinamerikas künftig Anwälte der Armen und Entrechteten zu sein und im gleichen Jahr spricht sich die Kirche Perus für einen humanen Sozialismus aus. Sie fordert die Christen auf, durch ihren Lebensstil die Solidaritat mit den Armen zu beweisen.


Eine bedeutende Leistung im Kampf um Gerechtigkeit in der lateinamerikanischen Kirche beider Konfessionen (Katholisch wie Evangelisch) ist die Theologie der Befreiung. Diese Praxis drängt auf eine radikale Veränderung der ungerechten sozialen, ökonomischen und politischen Strukturen. An der Basis dieser Bewegung arbeiten unabhängig von jeglicher Kirchenhierarchie, nicht selten durch diese toleriert, oft jedoch auch kritisiert und eingeengt, engagierte Theologen zusammen mit einheimischen Laien. In Peru fördern sie Bauern als sogenannte Misioneros, die in den Dörfern neue realitätsbezogene und von europäischem Einfluss möglichst unabhängige einheimische christliche Gemeinden aufbauen.

KRITIK

 

»'El grito del pueblo' vermittelt überzeugend, wie im Land verstreute Gruppen eine Möglichkeit zur gemeinsamen Artikulation finden und wie sie dabei von engagierten Theologen unterstützt werden. Ihre ‚Theologie der Befreiung’, in der sich urchristliches Gedankengut mit modernen sozialistischen Bestrebungen verbindet, erweist sich als realisierbarer Weg zur Selbstbestimmung eines unterdrückten Volkes. Dort, wo die Bilder dieses Films distanziert erscheinen, erklärt sich dies nicht nur aus dem Respekt vor denen, die hier aussagen, sondern auch um sie vor Verfolgung zu bewahren.

Die von den Industrienationen oft zu schnell verurteilte ‚Theologie der Befreiung’ wird hier ohne falsches Pathos als realisierbarer Weg zur Selbstbestimmung einer unterdrückten Bevölkerung dargestellt. Von der ersten Einstellung an beeindruckt der Film durch seine ruhige, sorgfältige Erzählform, durch die Ästhetik, die nie ins Geschmäcklerische abrutscht.

 

Mit diesen Worten begründete die Jury die Verleihung des Internationalen Evangelischen Filmpreises 1977 von Mannheim an Peter von Guntens neuen Dokumentarfilm. In 'El grito del pueblo' stellen sich die peruanischen Land-arbeiter selber vor, sprechen über ihren Alltag und ihre Probleme. Der Film vermittelt einen tiefen Einblick in die von Existenznöten geprägte Empfindungswelt dieser Menschen. Wir lernen die Campesinos kennen, Männer und Frauen, und werden Teilhaber ihrer Erfahrungen mit einer fortwährenden Unterdrückung und Demütigung. Der Film deckt den Widerspruch auf, zwischen den grossen öffentlichen Versprechungen der Regierungen Velasco und Bermudez (1968-1975) zu ihrer ‚Landreform’ und der Realität der Lebenssituation der Campesinos. Der Film zeigt auch, dass die Befreiungstheologie, vertreten und unterstützt durch engagierte lateinamerikanische und europäische Theologen, wie auch durch peruanische ‚Barfusspriester’, mit ihrer ausgeprägten Forderung nach sozialer Gerechtigkeit eine bedeutungsvolle Rolle in der Bewusstseinsentwicklung der benachteiligten und gedemütigten Menschen einnimmt. Der Film stellt die Ursachen der Unterentwicklung in einen weltweiten Zusammenhang und deckt auf, dass die ungerechte Verteilung des Besitzes letztlich nur durch eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft zu erreichen ist, durch einen Verzicht auf eindimensionale wirtschaftliche Interessen der einheimischen Oligarchen und der reichen Industrienationen.«

(Textauszüge aus Urs A. Jaeggi, Saemann Nr. 1/1978 und BERN UND DIE WELT, Hrsg. Hans Hodel und Urs Jaeggi)

 

»Der Berner Filmschaffende Peter von Gunten hat den Schrei des peruanischen Volkes zum Titel seines Filmes 

'El grito del pueblo' gemacht. In meisterhaften Aufnahmen von Fritz E. Maeder werden wir mit peruanischen Bauern konfrontiert, Bauern, die in Armut leben obschon man ihnen eine Verbesserung der Lage durch landwirtschaftliche Genossenschaften versprochen hatte. Die Angst der Klagenden vor Verfolgung hat Peter von Gunten dazu veranlasst, Distanz zu halten, das 'aufschreiende Volk' als Gruppe zusammen zulassen. Dadurch ist ihm über das Gespräch hinaus etwas Wesentliches gelungen: Der Zuschauer wird hineingeführt in die Landschaft, in den Lebensrhythmus, in Ihre Kultur. Menschen als eine Gemeinschaft, Klagen in Kontext, Meinungen mit direkten Bezügen: Ein ,schöner’ Schrei, ist man versucht zu sagen. Gerade seine Schönheit unterstreicht seine Wirkung, verstärkt sein Eindringen in unser europäsisches Bewusstsein.«

(Fred Zaugg, in: 'Der Bund' vom 28.10.1977)

LOUIS DALLE  BISCHOF VON AYAVIRI PERU

 

»Wir achten sehr darauf was das Volk selbst denkt. Wir bemühen uns sehr, das zu erfassen wonach das Volk trachtet und zu erkennen was das Volk von uns wünscht. Wir stellen fest, dass das Volks vorwärts kommt, langsam zwar, aber es kommt vorwärts. Wir sehen in der Bibel, dass Gott mit seinem Volk voranschreitet wenn sich dieses Volk befreit.

Was ich nicht recht verstehe ist, weshalb man in Europa von der Theologie der Befreiung spricht,  denn unserer Ansicht nach kommt die Unterdrückung, die Ausbeutung aus Europa – aus den Industrieländern, aus den Ländern der Banken und aus den Ländern der Multinationalen, die ohnehin machen was sie wollen. Von Befreiung sprechen, weshalb sprechen sie davon wenn sie uns ja dauernd ausbeuten.

 

Mir scheint dass die Regierungen der Länder Südamerikas nicht frei sind. Sie stehen und fallen aus Kräften die nicht aus Lateinamerika kommen. Für uns ist das ein grosses Problem und sehr wichtig zu Wissen wann sowohl die Banken und die Multinationalen wie auch die Waffenfabrikanten, wann sie aufhören uns abhängig zu machen ihres eigenen Vorteils wegen, wann sie uns Lateinamerikaner leben lassen, in der Form zu leben wie wir das möchten. Das heisst, uns ein normales Leben gönnen werden.

Ich glaube, wenn es keinen Wechsel in den Personen gibt, die die Weltwirtschaft zu ihren Gunsten lenken, wenn es keinen Wechsel der Regierenden gibt, damit einmal zu Gunsten des Volkes regiert wird, wenn sich die Regierenden nicht ändern um einmal dem Volk die Freiheit geben möchten, dann hat die Kirche effektiv wenig Mittel um die Lage zu ändern. Wir können immer von einer Hoffnung sprechen, aber ich glaube nicht, dass dies die Realitäten ändert. Es sind jene die Waffen herstellen, jene die Macht haben, jene die die Repressionen in den Händen haben, jene die über Geld verfügen. Sie sind es die die Welt lenken.

 

14. Mai 1982 ...

Es ist der 14. Mai 1982, auf 4000m Höhe und an einem prachtvollen Tag des südlichen Herbstes. Die Sonne überflutet mit ihrer Herrlichkeit das peruanische Altiplano ohne dass die senkrechten Strahlen einen einzigen Schatten werfen. Vor dem imposanten Zugang zur Kathedrale von Ayaviri, eine grosse Ansammlung von Indigenen, schweigsam und konsterniert. Sie haben nur eine Blickrichtung: auf den Sarg den ihre Landesbrüder auf den Schultern tragen. Er beinhaltet die sterbliche Hülle ihres grausam ermordeten Bischofs den sie mit grösster Ehrfurcht liebten. Der Sarg geht von Schulter zu Schulter, denn es ist für sie eine Ehre ihn auch einen Moment tragen zu können. Und die Prozession dauert lange, lange ...«

Aus: Louis Dalle / Un homme libre, Edition du Rouerque ©1984 Link

 

WEITERE PRODUKTIONSANGABEN

 

THEMATISCHE BEGLEITUNG

Schweiz Ambros Eichenberger*  (i.A. von Fastenopfer)  Hans Ott (i.A. von Brot für Brüder)

CREW

Schnitt Therese Vögeli

Regieassistenz  Übersetzungen Spanisch Heidi Rieder

Ketschua Übersetzungrn Victor Gonzales

Sprecher deutsch Peter M. Schudel 

 

STUDIO- UND TONTECHNIK

Schwarz Filmtechnik Ostermundigen

Tonstudio Sonor Film

Mischung Peter Begert

 

MITWIRKENDE

Campesinos und Campesinas der Regionen Puno und Ayaviri, Peru

PRODUKTION

CINOV FILMPRODUKTION BERN

Produktionsassistenz Heidi Rieder  Sekretariat Katharina Ackermann

in Co-Produktion mit Brot für Brüder Bern (Hans Ott)  Fastenopfer Luzern (Meinrad Hengartner)

und Schweizer Fernsehen SRG DRS

 

*Link Ambros Eichenberger

 

 

E-Book: ISBN 978-3-0340-6458-3

Felix Rauh, Bewegte Bilder für eine entwickelte Welt Chronos Verlag

zenodo.org

 

© PvG CINOV / SUISSIMAGE