TERRA ROUBADA

GERAUBTE ERDE

Dokumentarfilm 1980

55 Minuten, 16mm

Originalversion portugiesisch /

d untertitelt

Sprachversionen

deutsch, französisch

 
Link zum Film als Download auf LORY
der Universität Luzern

Buch Peter von Gunten

Regie, Kamera, Schnitt Peter von Gunten

Mitarbeit Buch Dorothe Schnyder

Inhaltliche Begleitung  Celito Kestering

Übersetzung Brasilien Tarcisio Lage

Ton Orlando Rudaz

Musik Afrobrasilianisches Ritual

Sagt, wen tragt ihr da, Brüder der Seelen,

in dieser Hängematte verpackt?

Einen nichtigen Toten, Bruder der Seelen,

der seit vielen Stunden zu seiner letzten Stätte reist.

Und war dieser Tod ein Sterbetod?

Geschah dieser Tod durch sterben oder durch Töten?

Er geschah nicht durch sterben,

dieser Tod geschah durch Töten, aus einem Hinterhalt.

Und wer sass in dem Hinterhalt?

Womit haben sie ihn getötete, mit dem Messer oder mit der Kugel?

Er starb durch die Kugel. Mit der Kugel ist's sicherer,

sie erreicht von weitem ihr Ziel.

Und was hat er denn getan?

Was hat er der fliegenden kugel den zuleide getan?

Er besass ein paar Hektar Land,

aus Stein und gewaschenem Sand, und die bestellte r.

Warum haben sie ihn dann getötet, Brüder der Seelen,

warum haben Sie ihn dann mit der Flinte getötet?

Die fliegende Kugel wollte vorwärtsdringen, Bruder der Seelen,

wollte sich ungehemmt in die Lüfte schwingen.

Tod und Leben des Severino' von Joao Cabral de Meli Neto (1955)

Im Nordosten Brasilens, oberhalb der Ortschaften Juazeiro (Provinz Bahia) und Petrolina (Provinz Pernambuco), befindet sich einer der grössten Stauseen der Welt, der Sobradinho-See. Durch das mit westlicher Hilfe gebaute Sobradinho-Projekt haben über 100'000 Menschen ihr Land, das sie seit Generationen im Interior bewohnt und bewirtschaftet haben, verlassen müssen. Nun arbeiten sie als Taglöhner auf den Plantagen oder haben sich auf den Weg an die Ränder der Provinzstädte gemacht, um an den Strassen Land zu besetzen und ihre Hütten in neu entstehenden Slums ohne Strom und Wasserversorgung zu bauen.

FESTIVALS UND AUSZEICHNUNGEN

Internationale Filmwoche Mannheim Filmdukate 1980 Solothurner Filmtage 1981

Journalistenpreis Entwicklungspolitik der BRD 1982

Preis der Christopf Ekenstein-Stiftung 1. Preis  1982

Fernsehworksshop Trier Auszeichnung bester Film 1982

Agrarfilmfestival Berlin  Preis Interfilm  Mension OCIC  1983

2. Europäische Film-Biennale über Umwelt Rotterdam Preis 1983

HINTERGRUND

 

Der Stausee von Sobradinho ist rund 300 km lang und stellenweise bis zu 30 km breit. Er dient der Stromerzeugung und der regionalen Bewässerung von landwirtschaftlich genutzten Grossgrundflächen. Auf dem bewässerten Boden werden Früchte und Gemüse angebaut, um die brasilianischen Supermärkte und die europäischen Märkte ganzjährig mit Trauben und tropischen Früchten beliefern zu können. Grossflächig wird insbesondere Zuckerrohr angebaut, aus dem Alkohol hergestellt wird, der als Benzinersatz verwendet werden kann. Bereits im Laufe des Jahres 1979 sollen in Brasilien 750'000 Autos mit Ethanol betrieben werden.

Die Bauarbeiten zur Stauung des Sao Francisco-Flusses wurden 1973 in Angriff genommen. Die Gesamtkosten sind auf 880 Millionen US-Dollar geschätzt. Kredite stammen unter anderem von der Weltbank, der Interamerikanischen Entwicklungsbank und einem europäischen Bankenkonsortium unter massgeblicher Beteiligung der Deutschen Bank und der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Der Staudamm ist Bestandteil der brasilianischen Energie- und Entwicklungspolitik für den Nordosten.

 

Die im Gebiet des Stausees lebenden kleinen Landbesitzer wurden meist ohne irgendwelche Entschädigung enteignet und vertrieben. Die in unmittelbarer Nähe des Staussees verbliebenen Kleinbauern haben und finden kein Wasser um ihre Felder zu bewässern und haben meist auch kein eigenes Trinkwasser. Viele dieser ehemaligen selbständigen Kleinbauern verdienen ihr Geld nun als Hilfsarbeiter auf den entstandenen Zuckerrohrplantagen, mit einem Lohn entschädigt, der nicht für die Ernährung ihrer Familien ausreicht. Bis heute wehren sie sich erfolglos gegen ihre Vertreibung und gegen ihre Degradierung zum bestenfalls lohnabhängigen Landproletariat. Gewerkschafter und engagierte Veteidiger ihrer Rechte wurden nicht selten mit Morddrohungen eingeschüchtert und durch 'Pistoleros' ermordet.

An den Zugangsstrassen zu den grösseren Städten wie Recife (Pernambuco) und Salvador de Bahia sind die zahlreichen neuen Slum-Siedlungsgebiete zu sehen, die von den vertriebenen Familien errichtet werden.

Auszug aus 'Bern und die Welt', Hrsg. Hans Hodel und Urs A. Jaeggi, Evang. Mediendienst / Ressort Film, 1996

und 'Entwicklung muss von unten kommen', Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1980
Dorothe Schnyder und Peter von Gunten Terra roubada/Geraubte Erde (siehe auch weiter unten (HINWEIS).

Der Film thematisiert die Auswirkungen des mit westlicher Hilfe gebauten Staudamms Sobradinho für die lokalen Bauern. Er kritisiert die Skrupellosigkeit einer Militärregierung, die ihr Entwicklungsmodell mit Hilfe ausländischer Investoren ohne Rücksicht auf lokale Verluste durchsetzt. 'Terra roubada' ergreift Partei für die Kleinbauern, die wegen des Damms und des Stausees von ihrem Land vertrieben wurden. Ihre Dörfer verschwinden im Wasser das sie selber nicht nutzen dürfen weil es für die Stromgewinnung und die Bewässerung von Zuckerrohrfeldern für die Ethanolgewinnung reserviert ist.

FILMKRITIK
«Der Filmautor hat nicht zuletzt deshalb Brasilien als Land gewählt, weil er glaubt, dass hier eine Entwicklung voll im Gang ist, welche andern Ländern erst noch bevorsteht. In diesem Sinn ist sein Film eine bedrückende Pilotstudie. Was am Film beeindruckt, ist die klare Stellungsnahme des Autors zugunsten derjenigen, die immer wieder benachteiligt und verraten werden. Dies geschieht nicht durch einen Begleitkommentar; zu Wort kommen nur die Betroffenen und die Verursacher der in Gang gesetzten gigantischen Fehlentwicklung rund um den Sobradinho Stausee. Seine Parteilichkeit zeigt sich in der Bildsprache: Die Kamera bleibt gegenüber den Kleinbauern in respektvoller Distanz, während sie den Verantwortlichen buchstäblich auf den Leib rückt und diese damit in ihrer ganzen Unehrlichkeit entlarvt (...).
Die Arbeiten am Film haben rund ein Jahr gedauert. Im Sommer letzten Jahres hat der Autor während einer rund 5 Wochen dauernden Recherchenreise durch Kolumbien, Peru, Bolivien, Paraguay und Brasilien mehrere Grossprojekte besucht und danach den konkreten Ort für die Realisierung gewählt. Die Wahl des Sobradinho-Projektes wurde mitbestimmt durch die Bereitschaft der Betroffenen, am Film mitzuwirken und bei der Erarbeitung von Form und Inhalt mitzuarbeiten. Einige Monate später wurde in der rund fünf Wochen dauernden Drehphase der Film gedreht, mit einer Filmequipe von drei schweizerischen und zwei brasilianischen Mitwirkenden. Dazu wurde der technische Aufwand auf ein Minimum reduziert. Das nach den Recherchen ausgearbeitete Konzept wurde im Lauf der Dreharbeiten zum Teil völlig umgestaltet.
 
Dazu Peter von Gunten: Ungeachtet der bei der Recherche gemachten Erfahrungen muss man sich immer wieder neu in die örtlichen und menschlichen Gegebenheiten einfühlen. Nur so ist es möglich, die Beteiligten auch wirklich in den Prozess des Filmens mit einzubeziehen. Verschiedene wichtige Sequenzen meines Films wären nicht entstanden, wenn wir nicht in dieser intuitiven und pragmatischen Art und Weise vorgegangen wären. In diesem Sinn sind die im Film vorkommenden Personen eben so sehr am Filmkonzept beteiligt wie ich.«
(Richard Helbling, Peter Müller / Tagesanzeiger, Mai 1980)

»Eine so korrekte Gegenüberstellung zwischen verordneter und gewachsener Entwicklung in entlarfender Absicht gab es bisher nur im lateinamerikanischen Film.«

(Heinrich von Nussbaum, in ,medium’, Juni 1980)

 

Dom Jose Rodrigues, Bischof von Juazeiro, Bahia  Kommertar zum Film

 

»'Grilagem' ist ein brasilianischer Begriff für Dokumentenverfälschung, um den Bauern ihr Land wegzunehmen.
 

Heute bedeutet das alle illegitime Wege, um in den Landbesitz  anderer zu kommen. Die Landarbeiter die ihr Land verlieren ziehen an den Rand der Städte. Deshalb haben wir dieses Anschwellen unserer Städte.
Unser Volk hat alles verloren, seine materiellen Güter, seine Häuser, sein Land, seine Anpflanzungen.


Das Schlimmste aber ist: es hat seine Kultur, seine Geschichte verloren. Die neue Generation wird vielleicht eine neue Geschichte anfangen können, für Leute ab 50 ist es das Ende.


Der tiefe Grund unseres Leidens liegt im brasilianischen Wirtschaftsmodell begründet, das grosse Unternehmen und multinationale Konzerne begünstigt. Der Hauptgrund liegt in der Aufwertung des Bodens und der Kapitalismus dringt dann rücksichtslos in dieses Land ein. Die Konzernbetreiber wenden dabei Gewalt an, sie stecken Häuser in Brand -  ganze Dörfer - und sie morden wie vor einigen Tagen hier in dieser Gegend.


Das ist das Problem des Landraubs in Brasilien, vor allem im Nordosten.

WEITERE PRDUKTIONSANGABEN

 

CREW

Regieassistenz  Dorothe Schnyder

Sprecherin portugiesisch Eveline Lage

Sprachversionen deutsch Marianne Marggraf  Amido Hoffmann  Rainer zur Linde

Übersetzung Paulo Raad  Blanke Raad

LABOR

Schwarz-Filmtechnik Bern-Ostermundigen

Lichtbestimmung Ruth Kägi

TONSTUDIO

Sonor-Film Mischung Ivan Seifert

PRODUKTION

CINOV AG Filmproduktion Bern

Produktionsassistenz Katharina Ackermann

Produktionstechnische Unterstützung Brasilien Zacharias und Marianne Farah


Eine Gemeinschaftsproduktion von

CINOV AG Filmproduktion  Westdeutscher Rundfunk Köln Redaktion Joachim Dennhardt

Produziert mit Beiträgen von

Landeszentrale für politische Bildung Düsseldorf  Helvetas Zürich  Schweizer Fernsehen DRS

HINWEIS

'Entwicklung muss von unten kommen', Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, Oktober. 1980

Hrsg. Joachim Dennardt, Siegfried Pater

Landwirtschaft an einem Beispiel in Brasilien - Terra roubada / Geraubte Erde

Dorothe Schnyder - Peter von Gunten

rororo-Sachbuch 7412  1280-ISBN 3 499 74 12 X

E-Book: ISBN 978-3-0340-6458-3

Felix Rauh, Bewegte Bilder für eine entwickelte Welt Chronos Verlag

zenodo.org

© PvG CINOV / SUISSIMAGE